Beckeraachen

Kunstwechsel

Compression

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K U N S T A B C
1973 -77 habe ich unter diesem Titel 173 Texte in der Aachener Volkszeitung publiziert. Den einen oder anderen redigiere ich jetzt, um auf mich und eine andere Epoche der Kunst- und Weltgeschichte zurückzuschauen.
Kunst ABC AVZ 27.4.1974
C O M P R E S S I O N
Es gibt im 20. Jahrhundert Kunstsprachen, die im Werk ihrer Autoren eine zeitbegrenzte Rolle spielen. Lichtenstein hat aufgehört, kommerzielle Comics in Bilder umzusetzen, benutzt aber die Raster und dicken schwarzen Lineamente weiter, die er dort gefunden hat. Der Südfranzose César (*1921) war ein konventioneller Bildhauer, bis er 1960 seine 1. „Compressions“ ausstellte. Er hatte in einigen Eisen- und Stahlplastiken vorgefundene industrielle Abfälle verarbeitet wie vor ihm Picasso, Gargallo, Gonzales u.a., aber jetzt entdeckte er die Poesie der Schrottplätze und Müllhalden, die Van Gogh in einem Brief an seinen Bruder beschrieben hatte, der Friedhöfe der Industriegesellschaft, über deren Beseitigung heute nachgedackt wird. So sehr dieser Abfall in seinen Skulpturen sichtbar war, so viel Wirklichkeit seine Kunstwerke auch transportierten, sie blieben Kunstwerke, die an denen seiner Väter gemessen wurden. Es war nicht nötig zu behaupten, sie seien Kunst.
Zu dieser Zeit erkämpften sich bereits einige seiner Pariser Kollegen diesen Anspruch für Gegenstände, die nicht wie Kunst aussahen. Raymond Hains, Jacques Vileglé und Mimmo Rotella in Rom rissen dicke Plakatschichten von Litfassäulen und Werbeflächen, ergänzten und fasten sie und stellten sie als „décollages“ aus. Die Straße, der Bilderschatz der Werbung zog in die Kunst ein. César, der Bildhauer und Schrottplatzbesucher, interessierte sich nicht für Plakatwände, aber für die gigantischen Schrottpressen, die, mit Abfall, ja ganzen Autowracks gefüttert, Blöcke einheitlicher Größe ausstießen, die so in Gießereien zurückwanderten. Im Pariser Mai-Salon 1960 stellte er 3 solcher Blöcke mit je einer Tonne Gewicht aus. Über dem Skandal feierte Pierre Restany, Theoretiker und Wortführer der „Nouveaux Réalistes“ den Pionier einer neuen Skulptur.
Der Zufall, der diese Pressungen mitbestimmt, gibt ihnen ihre Schönheit. Blech und Stahl gehorchen auch ihren Materialgesetzen, wenn sie geknautscht werden, und die Presse, nicht der Künstler, bestimmt ihre endgültige Erscheinung. Es ist ausgeschlossen, dass er in ihre Arbeit eingreift. Der Block, den er ausstellt, ist also ein „objet trouvé“, ein gefundenes Objekt – anders als die Décollagen, die Ergebnisse einer Auswahl, eines Abrisses, einer Fassung und Bearbeitung sind. Aber dieses objet trouvé ist nicht einförmig, alltäglich wie die des Marcel Duchamp (Pissoir, Flaschentrockner, Fahrradrad), sondern vielförmig gestaltet, zusammengesetzt, als wäre es ein Kunstwerk. César spielt mit diesem Missverständnis, dass das Objekt Ergebnis einer künstlerischen, poetischen Komprimierung ist.
Er hat nur wenige „Compressions“ hergestellt. Er hatte die Grenze erreicht, die möglich macht, Kunstwerke zu definieren. Der Amerikaner John Chamberlain hat die Arbeit mit Schrottteilen von Autos fortgesetzt.
Abb. César Compression Mobil 1960 ehemals Sammlung Hahn, Köln, jetzt MUMOK Wien

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