Beckeraachen

Kunstwechsel

Assemblage

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K U N S T   A B C

1973 -77 habe ich unter diesem Titel 173 Texte in der Aachener Volkszeitung publiziert. Den einen oder anderen redigiere ich jetzt, um auf mich und eine andere Epoche der Kunst- und Weltgeschichte zurückzuschauen.

Kunst ABC   AVZ  20.4.1974

A S S E M B L A G E

Assembler = zusammensetzen, montieren: die Assemblage ist eine 3-dimensionale Collage. Da die Collagen der Kubisten seit 1913 mit aufgeklebten Papieren, Pappen, Fahrkarten und Folien die Leinwände in Reliefs verwandelten, genügte ein auf dem Bildträger montiertes, herausragendes Objekt, ein Zahnrad, ein Puppenarm, um das Bild eine Assemblage zu nennen. Aber die Assemblage will mehr, sie wird zur Skulptur, wenn sie sich von der Wand löst und frei steht, zum Requisit im Happening, zum Environment und erscheint als solche zuerst um russischen Konstruktivismus der Oktoberrevolution und im DADA. Collage ist Bild, der Betrachter davor, Assemblage ist Raum, der Betrachter darin. Der Russe El Lissitzki hat in den frühen 20er Jahren im Museum von Hannover den PROUN-Raum geschaffen, der in Ausstellungen häufig rekonstruiert wurde, und in Hannover hat Kurt Schwitters in der gleichen Epoche über mehrere Jahre an seiner „Kathedrale des erotischen Elends“, dem MERZ-Bau, der berühmtesten begehbaren Assemblage gearbeitet – 2 Werke, die gegensätzlicher nicht sein konnten: der kühle, logische, stereometrische Raum, der den Besucher einem konstruktivistischen Spannungsfeld aussetzt hier und dort das Chaos einer scheinbar regellosen, begehbaren Konstruktion von Brettern und Balken, in der die Geometrie versucht, zur wuchernden Natur zurückzukehren. Nach diesen beiden großen Assemblagen sind unzählige kleine entstanden vom Bettkasten-Nippes bis zu Monumenten, die alle der einfachen Regel folgen, gegensätzliche, unzusammenhängende Gegenstände aneinanderzufügen. Der französische Dichter Lautréamont, einer der Väter der französischen Surrealisten, hatte die Schönheit der Assemblage für eine Frau definiert: sie sei so schön „wie die zufällige Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Operationstisch.“ Der Betrachter, auf der Suche nach einer bildimmanenten Logik, stürzt in die Turbulenzen seiner eigenen Fantasie, genießt ihre Freiheit und kehrt zweifelnd in seine Wirklichkeit zurück. Assemblagen sind häufig Kästen. Curt Stenvert spielt mit der Kastenform barocker Altarschreine, man begegnet kleinen Vitrinen, Koffern und kleinen Häusern. Viele suchen die Verrätselung, das Numinosen, Magische, die Liebe zu Fetischen. Die monumentalen Assemblagen der 60er Jahre haben neue Inhalte: Allan Kaprow füllt den Hinterhof von Martha Jackson Galerie in New York 1961 mit Hunderten von gebrauchten Autoreifen, Christo sperrt 1962 mit 204 Ölfässern die Rue de Visconti in Paris, Wolf Vostell vermisst 1969 dem Umfang des Kölner Theaters mit Broten. Viele Assemblagen der Folgezeit zeigen Alltagsgegenstände in geplanten oder zufälligen Häufungen, Reihen und Serien. Immer häufiger entstehen Schaustücke mit dem Anspruch anthropologischer Forschungen, die von der Straße zurück ins Museum führen.

Abb. Allan Kaprow Yard“ 1961

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