Beckeraachen

Kunstwechsel

ZERO

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K U N S T   A B C

1973 -77 habe ich unter diesem Titel 173 Texte in der Aachener Volkszeitung publiziert. Den einen oder anderen redigiere ich jetzt, um auf mich und eine andere Epoche der Kunst- und Weltgeschichte zurückzuschauen.

Kunst ABC   AVZ 1975

Z E R O

Eine Künstlergruppe, die sich NULL nennt, will an einem Nullpunkt neu beginnen. Die Düsseldorfer Otto Piene und Heinz Mack, die seit 1958 die Zeitschrift ZERO herausgaben, dachten auch an den Count-Down der aktuellen Raketenstars, der rückwärts zum Moment der Lösung von der Erde führt. Die 3 Nummern der Zeitschrift, die bis 1961 erschienen, wurden 1973 neu herausgeben. Ihre Quellentexte ergänzen die ZERO-Sammlung, die das Kunstmuseum Düsseldorf in den letzten Jahren zusammengebracht hat.

Seit der Mitte der 50er Jahre setzte sich die Gruppe von der abstrakten Malerei der Pariser Schule und ihrer Epigonen in Deutschland ab. 1961 stieß Günther Uecker dazu. Abseits der Museen und Galerien zeigten die Künstler ihre 1. Werke in privaten Ein-Abend-Ausstellungen ihren Freunden und begannen, mit Lucio Fontana und Piero Manzoni in Mailand und Bernard Aubertin und Yves Klein in Paris Informationen auszutauschen. Sie kannten die „Nouveaux Réalistes“ Arman, Jean Tinguely, Daniel Spoerri und Dieter Rot und betrachteten ihre Arbeit als eine Sonderleistung der OP ART und Kinetik. Die Liebe der Neuen Realisten zu Schrott, Alltagsinventar und Lebensmitteln teilten sie nicht, sie zogen vor, banale Gegenstände zu „verklären“. Der Nagel, der Grundvokabel des gesamten Werkes von Günther Uecker wurde, ist selten er selbst, wird monumental vergrößert, 100-fach vervielfältigt, eingefärbt und so beleuchtet, dass der Betrachter ihn vergisst. Heinz Mack entdeckte früh technische Materialien – Aluminiumbleche, Lamellen, Gläser -, um daraus Reliefs und Skulpturen herzustellen. Und Otto Piene dienten Ketten von Luftballons zu Aufführungen von „Lichtballetten“. Die idealistischen, utopischen Elemente des russischen Suprematismus der Oktoberrevolution verbanden sich als Erinnerungen mit kosmischen Visionen im Jahrzehnt der Weltraumfahrten (Sputnik 1 1957, John Glenn 1962, die Gemini- und Apolloprogramme). Pienes Text „Wege zum Paradies“ zeigen das Pathos, das die Gruppe trug; „Ein Blick zum Himmel, in die Sonne, auf das Meer genügt zu zeigen, dass die Welt außerhalb des Menschen größer ist als die in ihm, dass sie so gewaltig ist, dass der Mensch ein Medium braucht, das die Kraft der Sonne transformiert zu einem Leuchten, das ihm angemessen ist, zu einem Strom, dessen Wellen wie der Puls des Herzens sind. Jetzt sind die Bilder nicht mehr Verliese, die den Geist und seinen Körper fesseln, sondern Spiegel, von denen Kräfte auf den Menschen übergreifen, Ströme, die sich frei im Raum entfalten, die nicht ebben, sondern fluten…Ich habe etwas Reales anzubieten statt Verengung des Blickes, statt Absorption das Schauen in ein Gebendes, Strömendes, Pulsierendes, nicht das Schrumpfen der Welt  in den Zellen der menschlichen Vorstellung, sondern die allseitige Expansion, das Katapultieren des Schauenden in den Raum, wo freier Atem ist.“ Tatsächlich sind aus solchen Vorstellungen Projekte entstanden, die weit über die herkömmlichen Gattungen der Kunst hinausreichen: Licht- und Wasserarchitekturen, künstliche Gärten in der Sahara (Macks Sahara-Projekt, das durch einen TV-Film bekannt wurde), „Placentarien“ (pneumatische Theater für Licht- und Gasballette), urbanistische Entwürfe usw.

ZERO ist einfarbig, monochrom. Vielfarbigkeit verführt zu komponieren Bildern, Monochromie schafft „Strukturzonen“ (Mack), in denen die Farbe „vibriert“. Sie bestehen aus Reihen oder Rastern von Einzelelementen: Nägel, Kugeln, Lamellen usw. „Strukturzonen“ sind nicht Bilder, sondern Reliefs. Die Vibration entsteht dann, wenn das Objekt, der Betrachter oder die Lichtquelle sich bewegt. Die „Strukturzonen“ sind keine Abbilder, die Assoziationen, die sie erzeugen, führen in immaterielle Bereiche: Lichterscheinungen in der Natur, am Himmel, im Weltraum – befreiende Assoziationen der Schwerelosigkeit. ZERO erzeugt eine neue Vorstellung von Schönheit.

Abb. Heinz Mack, Lichtflügel, Experiment zum Jardin Artificiel, Wahiba-Wüste, Oman, 1968 Foto Heinz Mack 1997

 

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