Beckeraachen

Kunstwechsel

Décollage

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K U N S T   A B C

1973 -77 habe ich unter diesem Titel 173 Texte in der Aachener Volkszeitung publiziert. Den einen oder anderen redigiere ich jetzt, um auf mich und eine andere Epoche der Kunst- und Weltgeschichte zurückzuschauen.

Kunst   ABC   AVZ   6.4.1974

D É C O L L A G E

Anders als in der Collage sind in der Décollage („entkleben“) Papiere und andere Materialien nicht übereinander geklebt, sondern voneinander gelöst, abgerissen. Die schönsten Collagen bietet die Straße, ihre Litfassäulen und Plakatwerbeflächen sind häufig so dick angehäuft, dass sie danach verlangen, décollagiert zu werden. Wind, Regen und aggressive Spaziergänger schaffen zuweilen Bilder, die ihre ästhetischen Reize so entfalten, dass man dem, der sie für Kunst hält, nicht widersprechen mag. Aber es gab in den 50er Jahren tatsächlich die Décollagisten, eine Gruppe von Künstlern, denen die abstrakte Kunst des informel, des Tachismus, der Ecole da Paris so abgehoben, akademisch, beliebig, so am Alltag vorbei erschien, dass es besser wäre, eine Plakatwand abzureißen, zu entblättern, das Reißen als abstrakte Geste ebenso stehen zu lassen wie einige der zerrissenen Bilder und Texte, sie zu rahmen und als autonomes Kunstobjekt auszustellen. Gleichzeitig entwickelten die pop art Künstler in London und New York einen Gruppenstil; in dem die Ikonografie der Straße dominierte. Aber nur die Pariser Raymond Hains, Jacques Vileglé, Francois Dufresne und der Italiener Mimmo Rotella entwickelten unter denen, die der Kritiker Pierre Restany die „Nouveaux Réalistes“ nannte, die selbstständige Bildgattung „décollage“.

War Vincent Van Gogh der 1., der in einem Brief die Schönheit eines Schrottplatzes beschrieb, so begeisterten sie sich vor den neuen Denkmälern der Vergänglichkeit, in denen Ankündigungen, Versprechen, Verlockungen, Botschaften grell erscheinen und kurz darauf von anderen zugedeckt werden, bis alle in einer dicken Pulpe versinken. In Berlin hat Fritz Köthe die Décollage sozusagen pervertiert: er hat sie in vielen Varianten in die Kunst zurückgetragen, indem er sie malte.

In den späten 50er Jahren arbeitete der junge Wolf Vostell in Paris al Décollagen. Ihm gefiel, dass das französische Wort décoller auch für Flugzeuge verwendet, die starten, abheben. Er trug diese Bedeutung in die ersten „happenings“, die er, angeregt von Alan Kaprow, entwickelte: eine Aktion, ein Ereignis, in dem die erstarrte Wirklichkeit gleichsam Schicht um Schicht von ihrem Hintergrund gelöst wird, bis der Fonds, die Substanz sich nackt anbietet – Décollage nicht als bildnerische Methode, sondern als geistiger Prozess, die Schichten gesellschaftlichen Lebens zu durchleuchten und ihren Träger zu finden. Die Décollage hat ihm geholfen, das Happening als Ereignisform der Bildenden Kunst auf besondere Weise zu definieren und durchzuführen. So unterscheidet es sich von dem seiner amerikanischen Freunde.

Abb. Jacqes Vileglé „rue du Grenier Saint Lazare 15.2.1975“ Sammlung FRAC Bretagne

 

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