Beckeraachen

Kunstwechsel

Fantastischer Realismus

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K U N S T   A B C

1973 -77 habe ich unter diesem Titel 173 Texte in der Aachener Volkszeitung publiziert. Den einen oder anderen redigiere ich jetzt, um auf mich und eine andere Epoche der Kunst- und Weltgeschichte zurückzuschauen.

Kunst   ABC   AVZ 1975

Im 2. Weltkrieg waren die Künstler Österreichs von den europäischen und amerikanischen Schauplätzen moderner Kunst ebenso isoliert wie die deutschen. 1947 traten 4 Wiener Akademieschüler aus dem Atelier von Albert Paris Gütersloh mit dem älteren Rudolf Hausner zusammen in das Licht der Öffentlichkeit: Erich Brauer, Ernst Fuchs, Wolfgang Hotter und Anton Lehmden – mit einer hochentwickelten Bildsprache, die Staunen erregte. Der Wiener Kritiker Johann Muschik taufte ihren Stil „Phantastischer Realismus“; diese „Wiener Schule“ ist heute weltbekannt, von vielen geliebt, im Kreis der Avantgarden umstritten, missachtet. Gütersloh sammelte die Gruppe in der österreichischen Sektion des Internationalen Art-Clubs, wo der saarländische Maler Edgar Jené bis 1950 als Vermittler des Pariser Surrealismus galt. Der surrealistische „Psychismus“ fiel natürlich in der Heimatstadt Sigmund Freuds auf fruchtbaren Boden, und man konnte erwarten, dass die Erbschaft von Breton, Miro und Ernst fortgeführt würde. Das fand aber in New York statt. Die Wiener warf die Auseinandersetzung mit Traumdeutung und Archetypenlehre in die eigene Geschichte zurück, sie lehnten den psychischen Automatismus ebenso ab wie die Auseinandersetzung mit der Kunst der „Primitiven“ und der Geisteskranken. Anders als ihren amerikanischen Kollegen fehlte ihnen die Freiheit, das „Museum“ ihrer eigenen Kultur zu verlassen.

Im habsburgischen Wien war zwischen Mittelalter und Neuzeit, im Manierismus und Barock die „Donauschule“ entstanden, und als das Kaiserreich zerbrach, blühte ein ausschweifender, dekadenter Jugendstil auf; Egon Schiele, Oskar Kokoschka und Alfred Kubin entwickelten einen „psychischen“ Expressionismus, der weltweit die Erwartungen an Kunst aus Wien prägte. Es schien aussichtslos, gegen diese Macht der Väter zu kämpfen. Die Söhne studierten ihre Maltechniken zitierten sie, erweiterten die Wissenschaft der Bilder, die Ikonologie um Figuren, die sich dem mythologischen Kosmos ihrer Kulturgeschichte einordnen. Sie bereicherten ihn um Inspirationen, die sie im zeitgenössischen Bildungsgut fanden: „Ob es sich nun um die Höhle des delphischen Orakels, die Geburtsgrotte Jesu oder die Offenbarungsgruppe Mohammeds handelt, um die Grotte oder den Gipfel des alle überragenden Berges, als Ort des Einblicks oder Überblicks, als Ort der Entrückung, um eine Aufnahmestellung oder den seltenen Aussichtspunkt: sie alle sind  die bevorzugten Schauplätze wegweisender Erkenntnisse.“ (Ernst Fuchs). Malen ist hier eine heilige Handlung, die zu einem „Bilderhimmel“ führt, der Künstler kämpft hartnäckig gegen die Entwurzelung des zeitgenössischen Menschen. Seine Leidenschaft begründet die altmeisterliche Feinmalerei, das Produkt als Ikone, Heiligenbild, die übersteigerten Verzerrungen und aggressiven Farbkontraste verraten den tragischen Selbstzweifel.

Der Vorstellung des Surrealisten, durch den psychischen Automatismus die verlorene Nähe zur Natur zurückzugewinnen, setzen die Wiener das Bekenntnis zur Künstlichkeit entgegen: „Kunst wird aus Kunst gemacht, und die Natur folgt der Kunst, nicht umgekehrt, denn Gott ist ja Kreator, Künstler und hat den Menschen seinen Geist verliehen zu schaffen – künstliche Dinge.“(Fuchs)  Die „künstlichen Dinge“ sind historisch verschlissene Bildvokalen, die die Wiener in einem neuen schillernden Mythos vereinen.  In der religiös motivierten Hippie-Kultur sind vor allem die unzähligen Reproduktionen ihrer Werke verbreitet. Der Preis der Künstlichkeit hat die „Wiener Schule des phantastischen Realismus“ in den 60er Jahren über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt werden lassen.

Abb. Ernst Fuchs Anti-Laokoon, 1965, eine der zahlreichen Reproduktionen

 

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