Beckeraachen

Kunstwechsel

Lyrische Abstraktion

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K U N S T   A B C

1973 -77 habe ich unter diesem Titel 173 Texte in der Aachener Volkszeitung publiziert. Den einen oder anderen redigiere ich jetzt, um auf mich und eine andere Epoche der Kunst- und Weltgeschichte zurückzuschauen.

Kunst ABC   AVZ   22.3.1975

L Y R I S C H E   A B S T R A K T I O N

Paris war noch die Hauptstadt der Kunst, als kurz nach dem 2. Weltkrieg dort die Gruppe von Wols, Jean Dubuffet und Jean Fautrier den Stil des „informel“ schufen, dem der breitgefächerte Gruppenstil der „école de Paris“ folgte. Verkürzt: die im Bild wiedergegebene Malgebärde verlor in der Entwicklung vom einen zum anderen Stil ihre psychologische Motivation, die ein Erbe der surrealistischen „écriture automatique“ gewesen war, das Chaos der Zeichenhäufung läuterte sich in wohl geordnete, harmonische Kompositionen, das Psychogramm wurde Ornament. Zwischen beiden entwickelte sich ein Gruppenstil der „abstraction lyrique“ mit Hans Hartung, Georges Mathieu, Pierre Soulages und Serge Poliakoff. Die Spontaneität in ihren Bildern erinnert an die asiatischer Kaligrafen, eine hochdisziplinierte Schreibweise, die der Künstler nach langem Training beherrscht und die er nicht so sehr um der Botschaft als um ihrer selbst willen anwendet. Die feinen Strichbündel in den Bildern Hartungs vermitteln nur noch die Illusion des schnellen, spontanen Auftrags, sie sind geplant, in Skizzen vorbereitet und umsichtig in raffinierten Farbmischungen ins Bild gebracht. Stärker hat Mathieu die spontane Malweise beibehalten und sogar als „Grand Geste“ in theatralischen Vorführungen gefeiert, in denen er in Arbeitermontur mit Sturzhelm auftrat. Die schweren schwarzen Balken vor hellen, durchleuchtenden Gründen bei Soulages, die leuchtenden blauen Gitterbilder von Manessier, die aus der Gestik der Schraffur entwickelten „imaginären Landshaften“ der Vieira da Silva, die Bilder von Bazaine und Bissière, die aus Reihungen von Schreibkürzeln entstehen, sie alle entgehen nicht dem Zwang, schöne Tafelbilder zu sein, in denen jede radikale Geste der Erneuerung, der Hinterfragung einer ästhetischen Tradition zurückgenommen ist. Man begreift die Wut, mit der sich die Generation der Amerikaner Jackson Pollock, Robert Motherwell, Franz Kline und Willem de Kooning gegen diese „Salonkunst“ wendeten.

Der Stilbegrff „Lyrical abstraction“ tauchte in New York in der Mitte der 60er Jahre wieder auf, um einige junge Farbfeldmaler wie Lawrence Stafford und Peter Young zu kennzeichnen. Mit ihnen begann die Wiederentdeckung der europäischen Abstrakten der 50er Jahre. Die Entwicklung von der radikalen Malgebärde zum gezähmten, verinnerlichten Farbauftrag wiederholte sich: von den großen spontanen Farbfeldern des Morris Louis zu den fein pointillierten Tafeln des Lawrence Stafford; zitathafte Bezüge zu Emblemen und Symbolen der amerikanischen Indianer treten auf, und Larry Poons ergibt sich gern seiner Verehrung der französischen Vorväter.

Abb. Peter Young Painting Nr. 27 1970 Aachen Sammlung Ludwig

 

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