Beckeraachen

Kunstwechsel

Guernica

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K U N S T   A B C

1973 -77 habe ich unter diesem Titel 173 Texte in der Aachener Volkszeitung publiziert. Den einen oder anderen redigiere ich jetzt, um auf mich und eine andere Epoche der Kunst- und Weltgeschichte zurückzuschauen.

Kunst ABC   AVZ   30.8.1975

G U E R N I C A

1936, mitten im Bürgerkrieg, ernannte die Regierung der spanischen Republik den schon berühmten spanischen Künstler Pablo Picasso, 56 Jahre alt, sesshaft in Paris, zum Konservator des berühmten Madrider Museum El Prado. Sie war eingeladen, an der Weltausstellung 1937 in Paris teilzunehmen und beauftragte den Corbusier-Schüler José Luis Sert mit dem Bau des nationalen Pavillons. Joan Mirò, Julio Gonzales und Pablo Picasso sollten die Innenräume gestalten. Das Gebäude erhob sich bescheiden neben dem Palais Chaillot und wurde von den pathetischen Architekturen des 3. Deutschen Reiches und der UDSSR flankiert. Der deutsche Pressesprecher beobachtete im spanischen Nachbarbau Picasso, der am “Traum eines Verrückten“ arbeitet: „Es scheint, als hätte ein 4-jähriger Junge all dies gezeichnet“. (In Juni des gleichen Jahres eröffnete Hitler in München die Ausstellung „Entartete Kunst“ und die „1. Große Deutsche Kunstausstellung“.) Ein französischer Journalist schreibt: „Von der Eingangshalle, deren schreckliche Kahlheit nur von dem wilden „Guernica“ Picassos und von dem Bild des ermordeten Dichters Federico Garcia Lorca beherrscht wird,  bis zu den schmalen Gängen, die mit Grafiken und bedeutungsschweren Zeugnissen gefüllt sind, überall der Krieg, der Krieg, der Krieg.“ Picasso hatte den Auftrag, ein Monumentalbild zu malen, das den Bürgerkrieg darstellen und einen Appell zur Hilfe formulieren sollte. Er begann den Entwurf am 1.5., nachdem er am 28.4. Zeitungsberichte über ein Massaker am 26.4. las, das sich in einer unbefestigten, garnisonslosen, militärisch unbedeutenden Kleinstadt im Baskenland ereignet hatte Es bleibt beispiellos in der Militärgeschichte und setzte ein Zeichen für eine neue Form des Krieges, des „totalen Krieges“ (Joseph Goebbels), der das Deutsche Reich die Zivilbevölkerungen aller Länder auszusetzen bereit war. Ein Überangebot von Sprengstoffen hat die baskische Hauptstadt Guernica in eine tabula rasa verwandelt.

Der Überfall hatte ein gewaltiges internationales Presseecho. Auch Picasso wurde zu einer Stellungnahme herausgefordert: „bringe ich deutlich meinen Abscheu vor der militärischen Kaste zum Ausdruck, die Spanien in einem Ozean von Leid und Tod versenkt hat.“ Er arbeitete schnell. Er hatte ein ungewöhnlich großes Stück Leinwand vor sich. Es galt, ein Historienbild zu schaffen. Das letzte hatte vor 70 Jahren Edouard Manet gemalt „Die Ermordung des mexikanischen Kaisers Maximilian“. Das große lange Bild zeigt einen flachen dunklen Raum, eine Bühne, in die hartkantige grelle Lichtfelder einbrechen. Die Farben – Schwarz- und Grautöne herrschen vor –  drücken verhaltene Trauer aus. Aber die zeichnerischen Formen, die Gebärden der dargestellten Figuren, sind von fürchterlicher, dissonanter Dramatik erfüllt, von Verzweiflung, Vergewaltigung, Todesangst. Die Komposition des Bildes folgt von ungefähr der Tradition des Triptychons, eines 3-teiligen Altarbildes. Das Mittelstück beherrscht ein Dreieck, dessen Spitze eine elektrische Lampe mit gezacktem Lichtkranz bildet (das Auge Gottes in alten Bildern). Darunter ist ein Krieger mit zerbrochenem Schwert von seinem Pferd gefallen. Das Pferd, von einer Lanze durchbohrt, sinkt auf sein rechtes Vorderknie und schreit. Ein Frau eilt von rechts hinzu, über ihr hält eine andere, ebenso erschreckt und entsetzt, eine Petroleumlampe, aus dem Fenster auf den Ort des Dramas, Sie ist Zeugin, hält die Lampe wie die New Yorker Freiheitsstatue die Fackel oder die Freiheit, die das Volk führt, bei Delacroix die Fahne. In den Seitenflügeln schreien 2 Frauen zum Himmel empor. Das Kleid der rechten brennt wie das Haus hinter ihr. Die linke hält ein totes Kind in ihren Armen (eine Pietà, Maria mit dem Jesuskind im Schoss). Über ihr erhebt sich ein mächtiger Stier mit erhobenem Schwanz und drohend geöffnetem Maul. Hinter ihm flieht kreischend ein Vogel. Alle Verzweiflung ist gegen den Himmel gerichtet, nur die Zeugin und der Stier blicken waagerecht.

Guernica ist ein Opferbild, nicht den Handelnden gewidmet wie Historienbilder vor ihm, sondern den Erleidenden. Der gefallene Reiter und die Frauen stehen für die Bewohner der baskischen Stadt und die Zivilbevölkerung Spaniens. Nichts steht für die Ausführenden, die Bomber der Legion Condor, die Truppen General Francos. Doch es gibt Deutungen, die den kraftstrotzenden aggressiven Stier als Sinnbild des faschistischen Spaniens bezeichnen. Aber der Aggressor bleibt anonym, und das Opferbild fordert eigentlich, auch den Stier symbolisch als Bild jener Kraftquelle Spaniens zu betrachten, die das Land die Freiheit und Menschenwürde zurückgewinnen lässt. Das Opferbild ist ein Mahnmal, aus der Aktualität ins Zeitlose gehoben. Alle Zeitgenossen hat es auf seinen Reisen durch England, Skandinavien und Amerika erschüttert.

Aber sein Titel  hat auch die Erinnerung an ein verbrecherisches Gemetzel wach gehalten. Der Botschafter des Deutschen Reiches soll 1938 mit einer Reproduktion in der Hand Picasso gefragt haben: „Haben Sie das gemalt?“ Picasso habe geantwortet: „Nein, Sie!“

Abb. Picasso Guernica, 1937, Prado, Madrid

 

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