Beckeraachen

Kunstwechsel

Support Surface

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K U N S T   A B C

1973 -77 habe ich unter diesem Titel 173 Texte in der Aachener Volkszeitung publiziert. Den einen oder anderen redigiere ich jetzt, um auf mich und eine andere Epoche der Kunst- und Weltgeschichte zurückzuschauen.

Kunst ABC   AVZ 1.3.1975

S U P P O R T   S U R F A C E

Support = Bildträger, Surface = Bildoberfläche: diese Worte stehen im Zentrum der ästhetischen Auseinandersetzung einer französischen Künstlergruppe der 60er Jahre. Sie ließ sie als Markenzeichen eintragen. Der action-Maler Jackson Pollock hatte schon um 1950 auf den klassischen Bildträger, die Leinwand auf Keilrahmen, verzichtet und das lose Tuch auf dem Boden ausgebreitet, um es zu bemalen. Er spannte es erst auf den Rahmen, wenn er fertig war. Das Bemalen der Leinwand mit Farben in gleichmäßigen Bewegungen zu gleichförmigen, seriellen Formen, das „all over“, kennzeichnet den großen Schritt vom Tafelbild weg. Morris Louis goss die Farben über die ausgebreiteten oder gefalteten Tücher und legte erst am Ende des Prozesses den Ausschnitt, das Format der Bilder fest. Diese entscheidenden Proteste gegen das Tafelbild nahmen 1967 die Franzosen Daniel Buren, Patrick Saytour und Claude Viallat auf.

In den Chroniken der modernen Kunstgeschichte wurde unter den französischen Provinzstädten nur Nizza ab und zu erwähnt. Dort hatte Matisse gelebt, dort hatte der geschäftige Kommentator des „Nouveau Réalisme“ Pierre Restany Yves Klein und Jean Tinguely zur „école de Nice“ zusammengeführt, und dort arbeitete der Fluxus-Künstler Ben Vautier in einem „unruhigen“ Kunstlokal. Dort erfuhr der Student Claude Viallat von der Arbeit der Amerikaner aus Büchern und Zeitschriften, als sein Lehrer ihm abriet, Cézanne zu studieren und Courbet empfahl. Die Kunststadt Nizza war tiefste Provinz im zentral gelenkten Frankreich. Das föderale Deutschland war anders.

Die amerikanischen Maler Pollock, de Kooning, Louis und Noland hofften, die „Ecole de Paris“ hinter sich zu lassen, und diese kämpferische Haltung teilten die jungen Künstler in Nizza. Sie zogen nach Paris im Glauben, die kulturelle Hierarchie, die Vormacht der Hauptstadt wirkungsvoll stören zu können. Die Mai-Unruhen 1968 politisierten die Gruppe und vergrößerten sie. Einige blieben in Paris, andere zogen absichtsvoll in die Provinz zurück, um an kleineren Akademien zu lehren.

Das Fenster, der Rahmen eines Bildes ist nicht nur ein Gefängnis, das dem Maler einen beschränkten Bewegungsraum bietet, sondern zugleich Teil eines kapitalistisch-bürgerlichen Klischees: Bilderrahmen – Tafelbild – Prestigeobjekt – Ware.

Ein anderer Teil ist das Werkzeug: Pinsel, Spachtel, Ölfarbe, Grundierung, Leinwand. Support – Surface sollte den Käfig sprengen: beliebige Stoffe ersetzen die Leinwand, sie werden nicht aufgespannt, sondern an beliebigen Orten wie Gobelins oder Tapisserien aufgehängt, drapiert; nicht Ölfarbe, sondern alle verfügbaren Farbstoffe von Schweröl bis Tee können eingesetzt werden, um sie ohne oder mit Instrumenten, mit Händen, Gießkannen, Lappen und Tampons zu färben. Das Bild des Färbers, des landwirtschaftlichen Handwerkers soll das des Künstlers ersetzen. Und solche kulturellen Institutionen sollen zur Mitarbeit eingeladen werden, die bereit sind, kreative Handlungen in ihre sozialpolitischen Strategien einzubeziehen.

Abb. Mit einem Kunststoff-„Stempel“ gefärbte Tücher von Claude Viallat, 1979, Nantes, Musée des Beaux-Arts

 

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