Beckeraachen

Kunstwechsel

Kunst: Archäologie

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K U N S T   A B C

1973 -77 habe ich unter diesem Titel 173 Texte in der Aachener Volkszeitung publiziert. Den einen oder anderen redigiere ich jetzt, um auf mich und eine andere Epoche der Kunst- und Weltgeschichte zurückzuschauen.

Kunst Abc   AVZ 1974

K U N S T : P R I V A T E   A R C H Ä O L O G I E

Viele haben schon in den Kulturschichten der eigenen Vergangenheit zu graben, sind an ihrer Rekonstruktion gescheitert, an den Versuchen, aus subjektiven Erinnerungen einen objektiven Tatbestand herzustellen, und haben nach ihrer Bedeutung für den Stammbaum der Weltgeschichte gefragt. Der junge Franzose Christian Boltanski hat 1972 begonnen, seine Kindheit wiederherzustellen. Aus Knetmasse formte er Schuhe und Hemden, die er als 5-Jähriger getragen hatte, Schere und Zirkel, mit denen er als Kind gearbeitet hatte. Er besorgte sich den Jahrgang einer Zeitschrift für Kinder, die damals, als er 5 oder 6 Jahre alt war, bekannt wurde, und fragte nach dem Schicksal der vielen Kinder, die darin abgebildet sind. Er möchte in einem Raum alle Dinge sammeln, die ein Mensch während seines Lebens wegwirft oder hinterlässt, und versuchen, wie ein Archäologe die Biografie dieses Menschen schreiben. Der Italiener Claudio Costa findet auf die Frage „Woher komme ich>?“ lapidare Antworten: von Kenia-, Peking-Menschen, vom Neandertaler…. Er schafft sich Selbstbildnisse als Kenia-, Peking-Mensch, Neandertaler. Wäre ich ein anderer Mensch, hätte mich eine chinesische Mutter geboren? Er reiht sich in lange Bildreihen ein, die die Rassen zeigen, die in der Welt leben. Er stellt fest, dass ein Hammer sich seit der Vorzeit nicht verändert hat, und untersucht das Handwerkszeug seiner Ahnen. Wie ein Anthropologe baut er sich sein eigenes völkerkundliches und naturhistorisches Museum – in Orten zeitgenössischer Kunst auszustellen.

Etliche amerikanische und europäische Künstler haben sich in den letzten Jahren auf solche persönlichen Forschungsreisen begeben. Ihnen sind gerade jetzt mehrere Ausstellungen gewidmet. Für ihre Werke benutzen sie häufig Material und Techniken der Wissenschaften und inszenieren sie in Schausammlungen, privaten „Museen“. Nur selten tragen die Gegenstände eine persönliche Handschrift. Die Materialien stammen aus verschiedensten kulturellen Schichten. Der Amerikaner Roger Welch z. B. bearbeitet Filme, die er im Wohnhaus seiner Familie gefunden hat, Schmalfilme, die seit ihrer Erfindung entstanden sind, und schafft eine beklemmende Reportage über ein kleinbürgerliches Leben. Ein Kunstwerk? Ein hinreißendes Dokument der Kulturgeschichte! Wenn Künstler solche Dokumentationen von höchstem Wert für die Historiografie ohne Auftrag schaffen, so zählt ihr künstlerisches Zeitbewusstsein, ihre kritische, skeptische Haltung zu ihrer Welt, die sie treiben, das Material zu entdecken und zu bearbeiten. Resignation beherrscht die Franzosen dieser Gruppe, die sich auf Marcel Prousts „Forschungen“ „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ berufen. Etwas ist verloren, wir vermissen es, wir brauchen es, um weiterzuleben. Die Angst, die in den Werken dieser Künstler sichtbar wird, mündet in die Unsicherheit, die wir in der aktuellen Phase der Geschichte empfinden.

Abb. Claudio Costa Die verborgenen Farben des Waldes in den Augen der Maori 1972

 

 

 

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