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Kunstwechsel

Kunst: Historismus

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K U N S T   A B C

1973 -77 habe ich unter diesem Titel 173 Texte in der Aachener Volkszeitung publiziert. Den einen oder anderen redigiere ich jetzt, um auf mich und eine andere Epoche der Kunst- und Weltgeschichte zurückzuschauen.

Kunst ABC   AVZ 1976

H I S T O R I S M U S   I N   D E R   K U N S T

Historismus beherrscht Architektur und Kunst in Europa seit dem 18. Jahrhundert. Wie ein Mensch, dem seine Lebensumstände Unbehagen und Angst einflößen, sich in eine andere Zeit flüchtet, so werden ganzen Epochen ihrer selbst unsicher und beginnen, sich mit Kleidern vergangener Epochen zu kostümieren. So gibt es im 19. Jahrhundert Villen, Kirchen und Fabriken im byzantinischen, romanischen und gotischen Stil, die Maler eifern Dürer, Raffael und Tizian nach. Die Rückwendung enthielt auch den optimistischen Wunsch, die Vergangenheit zu erforschen, zu rekonstruieren, die Welt in ihren Zeiten und Räumen zu entdecken.

Das Verhältnis einiger zeitgenössischer Künstler zum Historismus verengt das Phänomen. Die Kalifornierin Eleanor Antin übte jeweils ein halbes Jahr, um sich in die historischen Personen des spanischen Königs Karls V.  und der russischen Ballerina assoluta Anna Pavlowa zu verwandeln. Alfred Leslie malt 1972 ein in Amerika geliebtes Landschaftsbild des Thomas Cole von 1856 nach, den Blick auf den „Ochsen“-Bogen des Connecticut-Flusses, vom Berg Holyoke gesehen: er kopiert es nicht im New Yorker Metropolitan Museum, sondern malt den Blick auf den Oxbow dort, wo Cole ihn gemalt hat. Malcolm Morley malt neu das letzte Bild Van Goghs, jenes Getreidefeld voller Farbstrudel mit den schwarzen Krähen am Himmel, setzt es auf eine Staffelei, davor die Palette, darauf eine Pistole. John Clem Clarke malt neu Werke von Vermeer, Franz Hals, Caravaggio usw. usw. Kritiker und Historiker schmunzeln hilflos: sind das nicht leichtfertige Scharlatane, die versuchen, ihre Eintagsfliegen durch Repliken berühmter Meisterwerke aufzuwerten?

Andere bedienen sich bildnerischer Methoden, die sie bei Archäologen, Völkerkundlern und Anthropologen lernen. Anne und Patrick Poirier nehmen die antike Stadt Ostia antica nach Messungen vor Ort in einer großen Maquette aus etwa 100 gebrannten Tonplatten auf, Jannis Kounellis montiert Fragmente von Gipsabgüssen antiker Skulpturen so, wie wir sie in Antikenmuseen sehen, Nancy Graves stellt ein prähistorischen Höhlengemälde aus bemaltem Polyester her, das Kamele zeigt – Schaustücke, die mit denen archäologischer, ethnologischer oder naturhistorischer Museen konkurrieren.

Wie die Wissenschaftler reisen sie: Nancy Graves zu den Kamelmärkten im marokkanischen Goulimine, die Poiriers zu den Tempelstädten von Angkor Wat und Chichen Itza, Nikolaus Lang zu der Insel Sado im Japanischen Meer oder Baiersoien bei Oberammergau. Sie reisen ohne Auftrag, und ihre Rekonstruktionen verraten hinter dem wissenschaftlichen Schein eine tief empfundene Sorge um den Erhalt der Reichtümer dieser Welt. Ihre Sehnsucht ist weit entfernt von der junger Frauen, die die Kleider ihrer Großmütter anziehen, und manifestiert sich dort, wo sie immer zu Hause war: in den Museen.

Abb. Nancy Graves Paläo-Indianische Höhlenmalerei, SW-Arizona, 1971, fertig zum Einbau gewidmet Wolfgang Becker

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