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Kunstwechsel

Aschermittwoch der Künstler

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Zum Aschermittwoch der Künstler

Über die Kunstgemeinde

Gemeinde? Sind Sie eine Gemeinde? Haben Sie Gemeindehaus? Nein. Sie sind ein heimatloser, schlecht organisierter Haufen von narzistischen Individualisten, Escapisten und Schneckenhäuslern; Sie haben ein mangelhaft entwickeltes Gruppenbewusstsein; Sie verschwenden keinen Gedanken an Ihren gesellschaftlichen Auftrag; Sie betreiben ein Glasperlenspiel in einer chimärischen Republik der Genies. Nun droht Ihnen eine Kündigung. Was Politiker in der jungen Bundesrepublik und in der jungen DDR mit unterschiedlichen Zungenschlägen „die Geborgenheit der Künste in der Öffentlichen Hand“ nannten, soll nun den harten Regeln des kapitalistischen Wettbewerbs weichen. Sie gehören nicht dem Jet Set der Überflieger des Kunstmarktes an. Keiner – es sei denn ein Freund oder eine Freundin, Ihre Mutter oder Ihre Tochter – wird Ihnen ein Kunstwerk abkaufen, denn auch jeder Sammler möchte am Jet Set partizipieren, und kein Bauherr wird Ihnen einen Auftrag zu einem Werk im öffentlichen Raum vermitteln, obwohl doch – so sagt der Deutsche Künstlerbund – „die Vergabe öffentlicher Mittel für „Kunst im öffentlichen Raum“, die häufig auch private Auftraggeber zu Folgeaufträgen motiviert, wesentlich zur Förderung von Künstlerinnen und Künstlern beiträgt und zu einer unverzichtbaren wirtschaftlichen Größe für die Künstlerinnen und Künstler geworden ist.“ Haben Sie noch das durchschnittliche Jahreseinkommen von € 11.144.-, das der Bund Bildender Künstler für selbstständige Künstler ausgerechnet hat? Haben Sie das Glück, noch in der Künstlersozialversicherung eingeschrieben zu sein? Empfinden Sie noch die „Geborgenheit der Künste in der Öffentlichen Hand“? Nein, es steht schlecht um Sie, und darum ist es an der Zeit, dass Sie wieder ein soziales, politisches Bewusstsein entwickeln, dass Sie eine Gemeinde bilden und Ihre Interessen artikulieren. Sie brauchen eine Lobby, einen Fuß in der Tür des Rathauses und in der des Parlaments. Man muss Sie hören, damit man Ihre Werke sehen kann. Aber man hört Sie nicht. 58 % der deutschen Bevölkerung sind der Meinung, dass Sie und Ihre Kunst politischer und das meint: gemeindefreundlicher werden müssten! „Die besondere Herausforderung des Museums besteht vor allem darin, zur Profilierung einer Region durch die Stärkung ihrer kulturellen Identität beizutragen.“ heißt es in einer Verlautbarung des Museums Kunstpalast in Düsseldorf. Zu dieser kulturellen Identität beizutragen, sind Sie aufgerufen. Ihr Aufbau darf nicht durch Nörgeleien behindert werden. Sie sollten Anstoß daran nehmen, dass die Politiker ihre Forderungen an die Museen pausenlos in die Zeitungen tragen, anstatt mit den Beteiligten, die sie selbst ausgewählt haben, konstruktive Gespräche zu führen. Sie sollten protestieren, wenn ein Sammler nassforsch behauptet: „Das Grundkonzept eines Forums hat sich überlebt.“ Wo nun gerade der größte aller europäischen Privatsammler unserer Tage, Friedrich Christian Flick, in der Zeitung zu seiner Berliner Ausstellung das Forum energisch fordert; „Die Begriffsverkürzung der Kunst auf ihren Objektcharakter ist es, die die Kunst domestiziert, die ihr den Stachel zieht, ihre ursprüngliche Bestimmung neutralisiert. Die Kunst ist ihrem Wesen nach aber Provokationspotential, gegen alles Statische gerichteter Prozesscharakter, Auslöser von Kommunikation, Aktion, Erneuerung. ……In der Konsequenz bedeutet das: Ein Forum muss geschaffen werden, an dem alle kompetenten Leute aus allen Sparten …zusammenkommen, vor allem auch Leute aus der Praxis, Männer und Frauen aus allen Bereichen der Gesellschaft, aus allen Lebens- und Arbeitsfeldern, auch solche, die an alternativen Konzepten, alternativen Gesellschaftskonzepten, Schul- und Bildungskonzepten, ökologischen Modellversuchen, neuen Unternehmens- und Geldkonzepten arbeiten. Immer wieder Leute aus der ganzen Welt.“

Recht hat er. Und ich füge hinzu: die kulturelle Produktion heute besteht nicht mehr nur aus Produkten, die von Autoren geschaffen werden. Sie wird selbst immer „digitaler“ und fordert Kollaboration und Kommunikation. Möge der Aschermittwoch der Künstler ein Tag und ein Ort solcher Kommunikation und Kollaboration sein. Möge der nächste Aschermittwoch der Künstler in Ihrem Gemeindehaus, im Forum der Künste stattfinden.

Wolfgang Becker, Rede am Aschermittwoch der Künste 2005 in St. Alphons, Lothringer Straße, Aachen – gekürzt

 

 

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