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Kunstwechsel

Kunstmarkt

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K U N S T   A B C

1973 -77 habe ich unter diesem Titel 173 Texte in der Aachener Volkszeitung publiziert. Den einen oder anderen redigiere ich jetzt, um auf mich und eine andere Epoche der Kunst- und Weltgeschichte zurückzuschauen.

Kunst ABC   AVZ   20.10.1973

K U N S T M A R K T

Die 1. Kunstmärkte in Köln und Düsseldorf sind vorüber. Journalisten, Galeristen, sogar Künstler entschuldigen sich, teilgenommen zu haben. Sie fühlen sich unbehaglich in Kleidern, die ihnen zu groß geworden sind. Dabei ist die Ware Kunst wertvoll und profitreich – für die, die sie als solche betrachten.

Als in der Renaissance um 1500 Kunst Kunst wurde, gewann sie Marktwert. Bildhauer und Maler blieben nicht Handwerker, die für ihren Arbeitsaufwand entlohnt wurden, sondern wurden Künstler. Ihre Werke erhielten eine Aura, deren Wert sich erst im Vergleich mit denen anderer Künstler behaupten ließ; und er blieb dem wechselnden Zeitgeschmack unterworfen. Preislisten von Auktionshäusern sind Dokumente solcher Veränderungen.

Im System freier Marktwirtschaft ist der Künstler selbstständiger Unternehmer. Ein Schuster führt in der modernen Industriegesellschaft nur noch Reparaturen aus, der Künstler ist der einzige Handwerker, der seine Produkte noch immer (in der Regel) mit eigenen Händen schafft. Eine Bewertung seiner Werke nach Material und Arbeitsaufwand erscheint absurd: der Tachist bemalt eine Leinwand von 4 m² in 10 Minuten, der Realist braucht dazu 1 Jahr. Der Konzeptkünstler tippt auf weißes Papier in der Schreibmaschine: EINEN GLETSCHER BESCHMUTZEN – Ergebnis eines jahrelangen Nachdenkens, sagt er. Warum haben die 3 Werke den gleichen Preis? Keine Antwort. Auf dem Viehmarkt kann der Laie den Marktwert halbwegs begreifen: jener Bulle ist für die Zucht besser als dieser, der gibt aber mehr Fleisch her. Warum aber kostet ein Pappklarton mit einer Fettecke darin 100.000 DM?

Wie der Kunstwert sich im Frühkapitalismus des 15. Jahrhunderts als Aura etablierte, so hat sich der Marktwert der Kunst im 20. Jahrhundert dynamisch fortentwickelt. Kunstwerke konnten, wurden sie aus ihrer kulturellen Bindung gelöst, zu Wertobjekten weniger spekulierender Händler werden: Tafelbilder, die Bestandteil von Wohnungen oder öffentlichen Innenräumen waren, Skulpturen auf Plätzen und in Gärten, Aufführungen, „Aktionen“ als Teile pädagogischer Prozesse. Je stärker der Marktwert sich verselbstständigt, umso mehr treibt er den produzierenden Künstler in eine soziale Isolation. Er produziert für den Markt. Er wehrt sich, schafft Werke, die nicht vermarktbar sein sollen; der Markt schluckt sie – und erzeugt ein sentimentales Rollenverständnis des Künstlers: der letzte Handwerker, der letzte freie Mensch.

Die zunehmende Systemkritik lässt uns die Mechanismen erkennen. Ein Beispiel: die Sammlung NEUER REALISMUS der Neuen Galerie – Sammlung Ludwig in Aachen wurde vom inneren Kreis der Kunstkenner nicht zuletzt bis heute verteufelt, weil ein Sammler sich nicht marktkonform verhielt, sondern bereits kaufte, als die Werke noch keinen Marktwert hatten. Umgekehrt wird ein Museumsmann kritisiert, der heute ein teures Werk von Roy Lichtenstein erwirbt, weil er sich ebenso wenig marktkonform verhält, sondern anderen Zwängen folgt. Noch ein Beispiel: viele Werke der Konzeptkunst vermitteln nicht bildhafte, sondern verbale Informationen. Sind sie Literatur? Sollten sie nicht von Verlagen und Buchhändlern angeboten werden? Die Galerien beharren auf ihrer Aura, sie bieten sie wie Originale an, doch original ist nur ihre Signatur.

Der Kunstmarkt heute ist bitter notwendig, damit seine Mechanismen für eine wachsende, an Kunst interessierte Zahl von Menschen sichtbar werden. Sie können die Mechanismen korrigieren. Sie können Folgerungen entwickeln, die bis zu einer Korrektur unserer traditionellen Kunstvorstellungen führen. Der Kunstmarkt hat sich heute so verselbstständigt, dass er nur noch von wenigen Beteiligten lebt. Museen, sogar Privatsammler verzichten auf eine Teilnahme, weil sie den dimensionslosen Wertsätzen nicht mehr zu folgen bereit sind.

Abb. Edward Kienholz Der Geschäftssinn (6.Sinn) 1975 Lithografie 1/5000

 

 

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