Beckeraachen

Kunstwechsel

Jahrgänge + Moden in der Kunst – 1974

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K U N S T   A B C

1973 -77 habe ich unter diesem Titel 173 Texte in der Aachener Volkszeitung publiziert. Den einen oder anderen redigiere ich jetzt, um auf mich und eine andere Epoche der Kunst- und Weltgeschichte zurückzuschauen.

Kunst ABC   AVZ   5.1.1974

J A H R G Ä N G E   I N   D E R   K U N S T: 1974

Nach dem Kalender des Künstlers Robert Filliou wurde vor 1.000.011 Jahren die Kunst geboren. So zählebig ist sie, langandauernd und vieldeutig. Da wir als Zeitgenossen das Zutrauen zu langsamen Entwicklungen verloren haben und ungeduldig Neues erwarten, fragen wir: welche Kunst wird das neue Jahr sichtbar machen? Der Galerist, der Museumskurator, der Kunsthallendirektor:  was werden wir ausstellen? Verkaufen? Dabei dauert auch ein Künstlerleben etwa 60 Jahre, mit einer Knospe in den 20ern, einer Blüte in den 30ern und 40ern und Früchten in den 50ern, 60ern und 70ern. Man könnte, Linnés Gesetzen folgend, den biologischen Ablauf eines Künstlerlebens konstruieren wie den einer Blume. Aber er arbeitet nicht in einem hortus conclusus, einem umgrenzten Paradies, Er lebt in einer politischen Geschichte, er sucht Anerkennung, er baut ein Netzwerk auf und entdeckt, dass nicht die Werke, die er schafft, sondern ihre Reproduktionen in Zeitungen, Prospekten, Katalogen, Filmen und TV-Sendungen ihn bekannt machen. Wie schnelllebig sind sie?

Hit-Paraden verkürzen die Bekanntheit von musikalischen Erfindungen auf wenige Wochen. Man mag sie geringschätzen, von Subkultur, Trivialkunst sprechen, doch ihr kultureller Einfluss ist unter Umständen stärker und dringt in eine größere Gesellschaft als die „hohe“ Kultur. Die Beschleunigung kulturellen Wandels erfasst freilich auch die Künste. Von documenta zu documenta sind in Europa „Stile“ durchgesetzt worden, die ausnahmslos aus den USA kommen. Offenbar ist der New Yorker Kunstszene die Nähe von Hit-Paraden und Moden geläufig. Jährlich empfängt sie in den Ateliers, Galerien und Museen europäische Kunstliebhaber, Sammler, Museumskuratoren, Ausstellungsorganisatoren, „head hunters“ mit der Frage auf den Lippen: Was ist neu? Wer ist der Künstler von morgen? Und gern präsentiert sie ihre Neuheiten nicht anders als Christian Dior oder Pierre Cardin.

Gründe für diese kurzen  Stilschübe, die da erzeugt werden, sind sicher nicht nur im Kräftespiel der freien Marktwirtschaft zu suchen, in der Spekulationsobjekte gefördert werden. Künstler und ihre Förderer haben lange schon gefordert, Kunst möge aus ihrem von kleinen Eliten gebauten Tempel hinaus in das niedere Leben der Vielen treten und ihre Aufmerksamkeit gewinnen. Sie haben erreicht, dass viele heute nach dem neuesten Kunstwerk ebenso fragen wie nach dem Bestseller auf dem Buchmarkt. Sie gehen ins Museum, um Neuigkeiten zu begegnen. Hängt ein Bild zu lange an derselben Wand, äußern sie den Wunsch, es wenigstens von Zeit zu Zeit umzuhängen.

Die Gier nach Neuigkeiten wirkt sich nicht nur auf die Kunstentwicklung, sondern auf das Künstlerselbstverständnis und das einzelne Kunstwerk aus. Picasso, einer der größten Künstler unserer Zeit, hat ein großes Oeuvre zurückgelassen – voller unglaublicher Brüche von der „blauen Periode“ über den Kubismus zum Neoklassizismus – und in jeder Stilepoche immer wieder eine gültige Aussage erreicht, die die Aufmerksamkeit eines großen Publikums erreichte. So lange hat kaum ein anderer Künstler des 20. Jahrhunderts mit unterschiedlichsten Stilen im Blickpunkt der großen Öffentlichkeit gestanden. Die breite Kunstgeschichte bestimmen dagegen viele andere, die wenige Jahre mit einer aufsehenerregenden Werkgruppe bekannt wurden und im beschränkten Kreis ihrer Freunde und Liebhaber weiterlebten.

Wollte ein Künstler heute den Erwartungshaltungen einer größtmöglichen Gruppe von Kunstinteressierten dauerhaft gerecht werden, so müsste er sein Vokabular benutzen, um ständig neue Aussagen zur Entwicklung der Kultur, in der er lebt, zu wagen. Er ist nicht die Blume, die Früchte trägt, sondern ein Relais, das Nachrichten empfängt, verarbeitet, verstärkt, aktiviert und weitergibt. Alle Amateure aktueller Kunst bewegen sich in einem Netzwerk von Sendern und Empfängern, das täglich über Neuigkeiten berichtet. Der „Jahrgang 74“ ist die Summe solcher Nachrichten, die fieberhaft zusammengetragen werden. Die Inventur findet am Ende statt. Eine beherrschende Stilströmung zeichnet sich nicht ab. Neue Titel wie zuvor „Hyperrealismus“ und „Konzeptkunst“ tauchen noch nicht auf. Vielleicht ist dieses eine ruhige Periode der Auswertungen. Denn Stimmen werden laut, die den hektischen Kulturablauf kritisieren, Atempausen und Entschleunigungen wünschen. Vielleicht bringt es eine kulturelle „Ölkrise“, die das Tempo im geistesgeschichtlichen Haushalt drosselt.

Abb. Gerhard Richter 48 Porträts 1971/72 Neuerwerbung Neue Galerie-Sammlung Ludwig, heute Köln Museum Ludwig

 

 

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