Beckeraachen

Kunstwechsel

Weiche Kunst

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K U N S T   A B C

1973 -77 habe ich unter diesem Titel 173 Texte in der Aachener Volkszeitung publiziert. Den einen oder anderen werde ich hier wiedergeben. Ich versuche, die alten Maschinen-Manuskripte zu konvertieren.

Kunst ABC   AVZ   1975

W E I C H E    K U N ST W E R K E

Die Kunst vieler Weltkulturen ist bis zur Mitte unseres Jahrhunderts hart. Bildträger bestehen aus Holz, Stein, Ton, Metall, und selbst die Leinwand, auf die seit dem 15. Jahrhundert Bilder gemalt werden, ist hart grundiert und mit Farbschichten so bedeckt, dass das Leinen nicht sichtbar wird. Erst seit den 50er Jahren gibt es weiche Malerei und Skulptur. Vor allem in der amerikanischen Farbfeld-Malerei ist die Leinwand nicht mehr grundiert, sondern saugt die aufgetragene wasserlösliche Acrylfarbe ein wie Lösch- oder Aquarellpapier, sie ist nicht auf einen Keilrahmen gespannt, sondern locker an die Wand geheftet oder in großen Bahnen auf dem Boden des Ateliers ausgelegt.

Hart waren Bilder und Skulpturen, weil ihre Auftraggeber wünschten, sie würden lange halten. Mächtige Personen forderten härteste Materialien für ihre Bildnisse. Stürzten sie, wurden sie der „damnatio memoriae“, dem Fluch der Erinnerung unterworfen, ihre Bildnisse zerstört. Erhalten blieb, was hart genug war, um dem Verfall und der Zerstörung zu widerstehen. Die weichen Kunstwerke unserer Zeit geben diesen Anspruch auf. Sie sind fast so vergänglich wie die großartigen Wasserspiele und Feuerwerke der Vergangenheit.

Wo keine unumstrittenen Götter und Herrscher regieren, bleibt die Möglichkeit, den Anspruch auf „Ewigkeit“ den Kunstwerken selbst mitzugeben. Henry Moore hat große Skulpturen in Bronze gießen lassen, die nicht nur der fernen Zukunft erhalten bleiben können, sondern als Sinnbilder aus der Epoche ihrer Entstehung so weit in die Vergangenheit reichen, dass wir dazu neigen, sie zeitlos zu nennen. Bronze weist wie Marmor, Gold, Silber und Rosengranit in die Zeit der Götter und Herrscher zurück. Wer zum 1. Mal einer „weichen“ Skulptur begegnet, vermisst diese Aura, die die Kulturgeschichte geschaffen hat. Ihre Erfindung gehört nicht umsonst den Amerikanern, In der Demokratie, die sie zuerst entwickelt haben, halten Ewigkeitswerte den plebiszitären Erneuerungen nicht kritiklos stand.

Doch die Erfindung der weichen Skulptur ist nicht Folge einer kunsthistorischen Entwicklung, sondern Reflex von zivilisatorischen Neuerungen: dem Reichtum der Kunststoffe und ihrer Nutzung in einer überbordenden Verpackungs- und Wegwerfkultur. Sie ist ein Produkt der POP Art, und Claes Oldenburg ist mit ihr bekannt und berühmt geworden. Er erkannte, dass diese Kunststoffe alle ästhetischen Vorstellungen von Materialgerechtigkeit verändern, und dass in dieser Phase der Unsicherheit gegenüber den neuen Materialien das freieste Spiel der Fantasie möglich ist. In solchen Phasen, die für Erfinder fruchtbar sind, erscheinen ihre Entwürfe häufig wie Selbstverständlichkeiten, Capricen, Witze. Oldenburg ist  ein Humorist, der augenzwinkernd jene kränkt, die Ewigkeitswerte der Kunst verteidigen, aber auch die tüchtigen Bauhaus-Funktionalisten und -Designer, die unsere Steckdosen, Waschbecken, Schreibmaschinen und Entsafter entwerfen und sie für schön halten, weil sie funktional sind. Er hat ihren Glauben an Materialgerechtigkeit erschüttert, indem er alles, was uns hart, glatt, hygienisch, funktional, perfekt begegnet, weichgemacht, gedemütigt, und vergrößert hat – in einer vergänglichkeitsbewußten Parodie unserer Ewigkeitswünsche.

Der Witz hatte ernste Ursachen und Folgen. Er relativierte die Absolutheitsansprüche der Konsumgesellschaft; er leitete eine neue Kategorie von Bildvokabeln ein: Nancy Graves konnte ihre Skulpturen von Kamelen ebenso schaffen wie Dieter Rot seine Schokoladenbüsten Beethovens usw. Der Witz erschütterte die Werthierarchien der Materialien: Skulpturen aus Gold werden belächelt, Bronze und Marmor haben die alte Glorie verloren. Und Oldenburg hat die Aura des öffentlichen Denkmals im Stadtbild korrigiert: eingeladen nach Aachen, würde er eher der Printe als Karl dem Großen ein Denkmal widmen – aus einem vergänglichen, vielleicht sogar essbaren Material. Am Ende hat er die Aufmerksamkeit auf alle jene außereuropäischen Kulturen gelenkt, deren Kunstwerke aus vergänglichen Materialien wie Stoffen, Schnüren, Häuten und Federn bestehen. Die Zukunft der „weichen Kunst“ hat mit ihm begonnen.

Natürlich gab es auch in Europa Bilder an den Wänden, die nicht auf harten Holzplatten gemalt waren, gewebte Wandbehänge, Gobelins, Tapisserien, aber erst in unserer Zeit genießen sie die gleiche Aufmerksamkeit der Kunsthistoriker, Museologen und des Publikums und können wie Bilder betrachtet werden.

Gemälde auf gespannten Leinwänden haben erst im 18. Jh. ihren Bildgrund verraten, als in einer a-la-prima-Malerei sichtbar wurde, dass Farben spontan, ungemischt aufgetragen werden können, dass Textur der Leinwand und Duktus Teil des Bildausdrucks sind. Die Bilder verloren ihre Kraft der Illusion, sie waren keine „Fenster“ mehr, sondern Malflächen, nicht mehr Bilder der Welt, sondern eigene Welten.

Die amerikanischen hard-edge-Maler waren die ersten, die den „Käfig“ des Bildrahmens in Frage stellten. Sie verwandelten die 2-dimensionale Fläche in einen 3-dimensionalen Bildkörper. Gleichzeitig degradierten Yves Klein in Paris und Jackson Pollock in New York die Leinwand zur Folie bildnerischer Gesten: Klein drückte eingefärbte menschliche Körper auf ihr ab, Pollock betropfte sie mit Farbe aus dem Pinsel oder einem durchlöcherten Eimer.

Die amerikanischen Farbfeldmaler – Kenneth Noland, Morris Louis – und ihre französischen Nachfolger der Gruppe Supports Surfaces – Claude Viallat, Simon Hantai u.a. – nutzten Tücher verschiedener Art und Größe, die sie mit Acrylfarben bedeckten, an der Wand, auf dem Boden, bemalten, begossen, hochzogen, die Farbe fließen ließen. Ihre überdimensionalen farbigen Tücher füllen seit den 50er Jahren große Ausstellungswände. Diese Künstler genossen die neue Freiheit, aus Fallschirmseide, Tarnfarbenstoffen, polyesterdrucktränkten Fliegendrähten, geknüpften Schnüren und Strohhalmen Objekte herzustellen, die nicht nur Galerien und Museen bereichern, sondern die offenen Räume der Städte erobern. Die Restauratoren bemühen sich, sie zu erhalten.

Abb. Claes Oldenburg Giant soft swedish light switch/Ghost Version 1966 Sammlung Ludwig

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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