Beckeraachen

Kunstwechsel

Nam June Paik

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K U N S T   A B C

1973 -77 habe ich unter diesem Titel 173 Texte in der Aachener Volkszeitung publiziert. Den einen oder anderen werde ich hier wiedergeben. Ich versuche, die alten Maschinen-Manuskripte zu konvertieren.

Kunst ABC   AVZ   1974

N A M   J U N E   P A I K  +   F L U X U S 1 (1-2)

1958 treffen sich bei den „Internationalen Ferienkursen für neue Musik“ in Darmstadt der Amerikaner John Cage und der Koreaner Nam June Paik. Paik ist 26 Jahre alt und hat n den Universitäten Tokio, München und Freiburg Musik, Ästhetik und Kunstgeschichte studiert. Die Begegnung mit Cage ist ein Schlüsselerlebnis. Paik wird zum Pionier des fluxus in Europa und Bahnbrecher der Videografie in den USA. Cage hatte die Revolution gegen die bürgerliche Musikästhetik eingeleitet, indem er ihre Praxis desavouierte; ein korrekt gekleideter Pianist spielt vor einem Publikum in einem Konzertsaal 3 Sätze einer Komposition, Die 4 Minuten und 33 Sekunden dauert, ohne eine Taste zu berühren. („4‘ 33“ 1952 gespielt von David Tudor – das 1. Happening). Cage verfremdete den Klang von Klavieren, nahm Geräusche zwischen Lärm und Stille in seine Kompositionen auf und beteiligte Tänzer und Bildende Künstler an seinen Aufführungen. Hier konnte Paik anknüpfen.

Im gleichen Jahr, 1958, zieht er nach Köln, um im Studio für elektronische Musik des WDR zu arbeiten, das Karl Heinz Stockhausen leitet. Das 1. Stück, das er hier entwickelt, heißt „Hommage à John Cage“ Er benutzt dazu 2 Klavier, 1 ohne Tasten, Tonbandgeräte, Steine in Blechbüchsen, ein Spielzeugauto, eine Kunststofflokomotive, ein rohes Ei, eine Glasscheibe, eine Flasche mit Kerzenstummel und eine Spieldose. Ein Augenzeuge:“ Aus den Tonbändern erklang der Schrei von 20 bedrängten Jungfrauen, danach der Nachrichtendienst des WDR. Der Komponist warf das Ei an die Wand und spielte 30 sec. Nach Metronom und Spieldose „normal“ auf dem Tastenklavier. Im 2. Satz sprang Paik koreanisch brüllend im Zimmer umher, pfiff auf der Kunststoff-Lokomotive, löschte das Licht und entzündete die Kerze. Der 3. Satz begann verhalten im Kerzenschimmer. 2 Knallfrösche jagten angenehmes Schaudern durch die Knochen der Konzertbesucher. Aber im 4. Satz, dem Finale Furioso, raste Paik wie ein Berserker durch die Gegend, zersägte mit einem Küchenmesser die Klaviersaiten und kippte am Ende den Klimperkasten um. Pianoforte est morte.“ Seine Fluxus-Aktionen sind, anders als die Musikaufführungen von Cage, in äußerster Aggressivität gegen die „Möbel“ der traditionellen europäischen Musikkultur gerichtet. Kaum ein Künstler hat so viele Klaviere und Violinen zerstört – mit der Grazie eines Karate-Kämpfers: „One for Violin Solo“ 1962 in den Düsseldorfer Kammerspielen: auf matt beleuchteter Bühne hebt er sehr, sehr langsam von einem Tisch vor ihm eine Violine empor und zerschlägt sie (alle warten gespannt) blitzschnell an der Tischkante. Zeitgleich stellt der französische Künstler Arman große Assemblagen aus zerschlagenen Geigen und Celli aus. Zerstörerische, revoltierende Bildgesten der Kulturerneuerung finden sich im Pariser „Nouveau Réalisme“ ebenso wie in der New Yorker Pop Art und der Happening- und Fluxus-Bewegung. Paik war in den 60er Jahren ein Kulturanarchist wie 40 Jahre vor ihm der Kölner Max Ernst. Aber er lebte im elektronischen Zeitalter.

Abb: Nam June Paik Sonne Mond und Sterne 1990 Aachen Ludwig Forum Sammlung Ludwig

 

 

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