Beckeraachen

Kunstwechsel

Totaltheater

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K U N S T   A B C

1973 -77 habe ich unter diesem Titel 173 Texte in der Aachener Volkszeitung publiziert. Den einen oder anderen werde ich hier wiedergeben. Ich versuche, die alten Maschinen-Manuskripte zu konvertieren.

Kunst ABC    AVZ    3.7.1976

T O T A L T H E A T E R

Den Begriff „Theater der Totalität“ benutzt Laszlo Moholy-Nagy im Bauhaus-Buch 4 über die Bauhaus-Bühne 1923 gegenüber dem Begriff „Theater der Überraschungen“, den er für das Theater der Futuristen und Dadaisten benutzt. Die literarische Botschaft, die das traditionelle Theater vermittelt, ist aufgelöst, die Sprache des Schauspielers wird zum Geräusch, das Gedicht zum Lautgedicht. Der letzte Bezug zur Literatur wird im Theater der Totalität aufgegeben, das Geräusch wird zum Teil einer umfassenden neuen Musik. Hatten die Dadaisten gefordert, den Schauspieler durch eine „Über-Marionette“ (Gordon Craig) oder „Sprungfederpuppen“ (Drjussov) zu ersetzen, so erhält er im Theater der Totalität einen Platz zurück, gleichwert neben anderen Gestaltungsmitteln. Moholy-Nagy fordert die „Bühnengestaltung als Kunstwerk“. Sie sei von Bildenden Künstlern zu leisten. Die Guckkastenbühne sei ebenso aufzugeben wie die auf den Schauspieler bezogene Maßstäblichkeit. Gesichter und Gesten können durch Spiegelvorrichtungen vergrößert und verzerrt werden, Film- und Diaprojektionen können ebenso eine Handlung ergänzen wie akustische Verstärkungen und Verzerrungen und Einblendungen verschiedener Art zu einer „zahnradartig ineinandergreifenden Gedankengestaltung“ führen können. „Die Entwicklung der Malerei der letzten Jahrzehnte hat die absolute Farbengestaltung geschaffen und dadurch auch die Herrschaft der klarleuchtenden Töne. Die Monumentalität, die kristalline Ausgeglichenheit ihrer Harmonien wird natürlich auch nicht einen verwischt-geschminkten…zerrissen kostümierten Schauspieler dulden.“ Die Barriere zwischen Bühne und Zuschauerraum wird im Theater der Totalität beseitigt. Bühnen werden auf Hänge- und Zugbrücken im Raum wechseln errichtet, so dass ständig neue Orientierungen notwendig sind.

Der Ungar Farkas Molnar hat bei Moholy-Nagy einen Bühnentyp nach diesen Vorstellungen entwickelt und stellt ihn in dem erwähnten Bauhausbuch 4 vor. Sein so genanntes U-Theater (weil der Zuschauerraum U-förmig um 3 feste und eine hängende Bühne angeordnet ist) für 1.200 Personen lässt eine Vielzahl von Schauspielen zu. Ein zylindrischer Hohlkörper kann an der Decke des Theaters entlanggefahren werden. Aus ihm werden Menschen und Gegenstände hinabgelassen, oder er öffnet eine Brücke. Die Stühle der Zuschauer sind drehbar, damit allen Handlungen gefolgt werden kann.

Die Theaterarbeiten des Bauhauses wurden vor allem im theaterbesessenen Berlin der 20er Jahre begeistert aufgenommen. Moholy-Nagy schuf Bühnenbilder mit Lichtschauspielen für die Kroll-Oper, Walter Gropius entwarf das „Totaltheater“ 1927 für Erwin Piscator. Die Machtübernahme verhinderte seine Realisierung. Der ovale Bau mit dem steil ansteigenden Zuschauerraum folgt den Erkenntnissen, die an der Weimarer und Dessauer Bauhausbühne gewonnen worden waren. Die Zuschauer bilden eine geschlossene große Gruppe, die eine Kernhandlung auf einer zentral betonten Ebene verfolgt und durch Projektionen auf 12 sie umgebende Schirme an der Gesamthandlung teilnimmt. Auf den neuen „Spielleiter“, den Moholy-Nagy forderte, wird noch gewartet, wenngleich die Happening- und Fluxus-Bewegung an der Auflösung traditioneller Theaterregeln arbeitet.

Abb. Laszlo Moholy Nagy Theater der Totalität Bauhaus Dessau 1924

 

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