Beckeraachen

Kunstwechsel

STIL

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K U N S T   A B C

1973 -77 habe ich unter diesem Titel 173 Texte in der Aachener Volkszeitung publiziert. Den einen oder anderen werde ich hier wiedergeben. Ich versuche, die alten Maschinen-Manuskripte zu konvertieren.

Kunst ABC   AVZ   10.4.1976

S T I L

Der hat Stil! Stilmöbel. Das meint etwas Anderes als Stielbürste. Das meint Kultur. Stil ist ein Wertbegriff. Er ist heute so ausgelastet, dass er als Bezeichnung von Qualität von Sachen und Menschen auftritt. Er ist gekoppelt an Alter, Tradition, Konvention, Überlieferung. Ein altenglisch Gekleideter hat Stil. Aber ein Hippie? Das war früher anders. Stil war an den Begriff neu gekoppelt: il dolce stil nuovo heißt es bei Dante. Das war der neue, schöne Stil der Spätgotik. Für Dante eine neue Schreibweise, ein neuer Griffel (stilus in Latein). Zuerst nutzten die Literaten den neuen Stil, dann die Musiker, zuletzt die bildenden Künstler. Er wurde ein Wertbegriff. Akademien und Akademiker pflegten einen Stil, Handwerker, Zünfte, und man entdeckte auch den Stil der Dilettanten, Amateure, Laien, Sonntagsmaler. Die Kunsthistoriker des 19. Jahrhunderts definierten Nationalstile, ihre Nachfolger differenzierten Schulstile, Gruppenstile, Individualstile und Zeitstile. Stile durchlebten Zeiten, eine Stilbeschreibung dient der chronologischen Ordnung; und die Chronologie dient der stilistischen Einordnung. Das Frühwerk Picassos gliedern die Kritiker grob in eine blaue und rosa Periode, eine analytisch und eine synthetisch kubistische Periode, klassizistische Periode usw. Diese Gliederung bestimmt die Stile der Werke. Sie sind Teile des Personalstils ebenso wie Gruppenstile, an denen Picasso beteiligt war. Insgesamt sind sie Mischungen von spanischen und französischen Schul- und Nationalstilen. Will sagen: um den Stil eines einzelnen Werkes zu schreiben, genügt nicht, ihn als Personalstil seines Autors zu beschreiben, sondern alle Ebenen von Silen für seine Analyse zu benutzen.

In der Wirkungsgeschichte der Kunst kann eine Stilebene eine andere verdrängen: der Personalstil Picasso verdrängt leicht alle Gruppen- und Nationalstile, denen er sich verpflichtet hat. Andererseits: Andy Warhol kann laut betonen, ein Künstler müsse alle Stile beherrschen, die gerade gefragt wären; er selbst wird immer ein Vater und ein Kind des New Yorker Gruppenstils Pop Art bleiben. Er hat die Grenzen eines Stils abgesteckt: in seinen Vokabeln und Schreibunterlagen, in allen Medien, die er sich nutzbar machen konnte. Auch die Schreibunterlage erzwingt einen Stil: den Materialstil. Der Gruppenstil der Pop Art lässt auf Grund verschiedener Materialstile Unterscheidungen zwischen Malern, Plastikern, Filmemachern zu. Wie könnte man sonst Unterschiede zwischen Warhol, Rosenquist und Oldenburg definieren?

Je enger die Künstler dieser Welt zusammenrücken, je stärker Nationalismen veralten, umso mehr werden Nationalstile zu Kuriosa. Sie sind nur in Ländern möglich, die sich ausdrücklich isolieren, China, geübt in der Abkapselung, ist wahrscheinlich das letzte Land, das in den vergangenen Jahren noch einmal einen Nationalstil hervorbringen konnte, der Personal-, Gruppen- und Schulstile verdrängt hat.

Abb. Hermann Josef Mispelbaum Garten der Vergessenheit 2012 Stil: ART BRUT

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