Beckeraachen

Kunstwechsel

Anfänge der Videokunst

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K U N S T   A B C

1973 -77 habe ich unter diesem Titel 173 Texte in der Aachener Volkszeitung publiziert. Den einen oder anderen werde ich hier wiedergeben. Ich versuche, die alten Maschinen-Manuskripte zu konvertieren.

Kunst ABC   AVZ   1974

A N F Ä N G E   D E R    V I D E O – K U N S T

Der bildende Künstler ist neugierig und empfindet seine Mittel als Beschränkung. Er wird sich auf jedes neue bildnerische Medium stürzen. TELEVION heißt Fernsehen, VIDEO heißt Ich sehe. Das Medium des Fernsehens ist dem Künstler ein Medium des Nahsehens. Do-it-yourself-Fernsehen: für wenige tausend Mark kann man eine kleine Fernsehkamera als Aufnahmegerät, einen Monitor als Fernsehbetrachter und ein Bandgerät als Speicher erwerben. Man hängt das Aufnahmegerät an die Schulter, nimmt die Kamera in die Faust und „filmt“. Entwickeln ist nicht nötig, Schneiden nicht möglich. Der Monitor zeigt, was man gefilmt hat. Der Monitor hat das Bildformat eines TVs oder er ist ein TV. VIDEO ist also Nahsehen für Fernseher. Das Bild des Filmkünstlers ist groß, das des Videokünstlers klein. Der Filmkünstler wendet sich an eine Gemeinde, der Videokünstler wünscht sich den individuellen Liebhaber im Pantoffelkino.

Noch scheint es, als könnte sich das künstlerische Videoband dem jungen Videokassettenmarkt einfügen, der dem Fernseher mit einem Zusatzgerät erlaubt, geliebte Sendungen auf Kassetten aufzunehmen oder geliebte Filme auf Kassetten zu kaufen. Doch nach ersten Umarmungen haben sich viele Künstler zurückgezogen. Das beschränkte Format der Wiedergabe, die Auflösung des Bildes in Zeilen, der geringe Grad der Farbnuancierung sind Grenzen, die viele zum Zelluloidfilm zurückführen. Händler wie der Düsseldorfer Gerry Schum haben Künstlerfilme auf Videobänder umkopiert und als Kassetten in begrenzter Auflage zu hohen Preisen angeboten. Doch die Filme waren „groß“, auf große Projektionen hin aufgenommen worden, im Fernseher schienen sie klein.

Dem Videokünstler bleibt als NAHSEHER die Distanzierung vom Fernseher. Er provoziert ihn, indem er seine Sehgewohnheiten angreift. Extrem: Gary Kuehn erscheint auf dem Fernsehbildschirm und streicht ihn mit einem Filzstift so zu, dass er so lange gegen den Rahmen klickt, bis er verschwunden ist. Oder der Videokünstler verstört den Fernseher: er vermittelt Nachrichten, die der Fernsehsender nicht senden darf – Nachrichten über Minderheiten wie Homosexuelle, Rauschmittelliebhaber…… Oder er täuscht den Fernseher, indem er eine private Fernsehanstalt vortäuscht (z.B. in einem großen Hotel Künstler-TV für alle Zimmer!).

In allen 3 Fällen droht ihm, vom Fernsehen überholt zu werden. Der Apparat schluckt Provokationen, Fernsehleute lernen schnell. Kabelfernsehen ermöglicht den Bewohnern kleiner Stadtteile oder –viertel, ihre eigenen Sorgen auszutauschen. Schulen und Volkshochschulen nutzen das Medium für didaktische Demonstrationen. Es ist eine Frage der Zeit, wann die Arbeit der Gruppe TELEWISSEN aus Darmstadt überflüssig wird. Von der Neuen Galerie – Sammlung Ludwig eingeladen, bot sie den Aachener Bürgern an, selbst Videoaufnahmen herzustellen, baute ihre Geräte auf und diskutierte die Ergebnisse. Die besten Aufnahmen gelangen dem Hausmeister der Galerie, der die Kamera führte und gleichzeitig das Personal über seine Arbeit im Museum befragte. Ich gebe zu; Video dieser Art bleibt Fernsehen, wie eine Zeitung, die Künstler machen, eine Zeitung bleibt. Aber das Massenmedium Fernsehen hungert nach Anregungen, steht unter dem Zwang, Neuigkeiten zu produzieren. So greift es auch die Forschungen der Künstler auf und nutzt sie. Unterwirft sich der Künstler nicht den Verbreitungsregeln des Mediums, wird er nicht Filmregisseur oder –produzent wie Andy Warhol oder Rainer Werner Fassbinder, so verschwindet sein Produkt als kostbare Inkunabel im Archiv eines Museums. Was er wünscht, tritt nicht ein: dass das Medium ihm hilft, für seine Botschaft ein großes Publikum zu erreichen.

Abb. Die Gruppe TELEWISSEN in Aachen November 1972, Foto Lohmann

 

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