Beckeraachen

Kunstwechsel

Anfänge der Fotokunst

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K U N S T   A B C

1973 -77 habe ich unter diesem Titel 173 Texte in der Aachener Volkszeitung publiziert. Den einen oder anderen werde ich hier wiedergeben. Ich versuche, die alten Maschinen-Manuskripte zu konvertieren.

Kunst ABC   AVZ   1974

A N F Ä N G E   D E R   F O T O – K U N S T

Die Künstler der 40er Jahre des 19. Jahrhunderts waren die 1., die die Erfindung der Fotografie begrüßten; manche Porträtmaler sattelten um, ersparten ihren Kunden lange Sitzungen, fotografierten sie offen oder geheim und malten nach den Fotografien. (Bekannt sind die Vorlagen der Porträts des Reichskanzlers von Bismarck von Franz von Lenbach.) Aber auch Landschaftsmaler seit Camille Corot benutzten Fotovorlagen, und Fotografen arbeiteten im Wald von Barbizon. Der Fotoapparat ist das erste bildnerische Werkzeug, das grundsätzlich jeder, auch der Amateur, sogar der Kunstfremde, Amusische bedienen kann; und der Forderung „Kunst muss von allen gemacht werden“ wäre durch die Box und die Instamatic Kamera leicht zu folgen, wenn die Künstler, Kritiker, Kunstwissenschaftler und Philosophen der Ästhetik zugelassen hätten, die Fotografie als Kunst zu betrachten. Die Trennung der Kunst von der Unkunst der Fotografie war von Anfang an unsinnig und ist nur als Defensive im Rückzug zu verstehen, Auch die Erfindung der gegenstandslosen, abstrakten Kunst klärte nicht die Fronten, denn natürlich lässt sich ein gegenstandsloses Bild ebenso mit der Kamera wie mit dem Pinsel herstellen. Doch selbst die Fotografen schufen Fronten zwischen Werbefotografen, Bildjournalisten und Fotokünstlern (einige nannten sich früher selbstbewusst „Lichtbildner“), Gemeinsam verteidigen sie ihr Profil gegen unzählige Besitzer von Kameras, die unbekümmert die Wirklichkeit auf Papier oder Zelluloid reproduzieren und dabei nicht einen Gedanken an Kunst verschwenden. Oder doch? Natürlich kann der Kunsthistoriker auch Laienfotos datieren. Je höher der Bildungsstand, der kulturelle Ehrgeiz eines Laienfotografen ist, je stärker er seine Sehweise an Kunstwerken gefiltert hat, umso mehr wird er im Sucher auf Komposition, Farb- und Formkontraste achten; und umso leichter macht er es dem Kritiker, die Kulturschicht zu finden, in der er sich gebildet hat. Macht er neue Bilderfahrungen, so schult er sich um. Die Fotografien meines Vaters von 1920 bis 1970 sehen für mich wie Postkarten aus, die ihre Kompositionsformen aus der Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts ableiten (die ständige Nutzung hat sie ausgelaugt). Seit 1970 verfolgt er den Umgang seines Sohnes mit der zeitgenössischen Kunst – und seine Ferienfotos sind drastischer, spannungsvoller, persönlicher geworden.

Gesellschaftlich haben fotografierende Künstler und Laien eines gemeinsam: sie arbeiten ohne Auftrag. Aber nur die Künstler beanspruchen, dass ihre Fotos als Kunstwerke betrachtet werden. Ihr Vorteil ist zugleich ein Nachteil: ihr Foto ist authentischer, glaubwürdiger als jede Zeichnung, Malerei oder Skulptur. Es fehlt ihm aber die „Aura“ des Kunstwerks; es scheint keinen Anspruch auf Einzigartigkeit zu erheben. Ein Papierfoto vergilbt, zersetzt sich, das Negativ erlaubt, es zu wiederholen – einschränkend: jede Umsetzung eines Negativs in ein Positiv ist für sich ein gestalterischer Akt, so ist jeder neue Abzug eines alten Negativs datierbar.

Wir fügen heute der Kunstfotografie eine Künstlerfotografie hinzu, die nicht künstlerisch sein will, deren Autoren nicht ausgebildete Fotografen sind. Mit dem Laienfotografen haben sie die Ausrüstung gemeinsam, die Instamatic Kamera mit einfacher Tageslicht- oder Blitzlichteinrichtung oder die Polaroid-Kamera, um Sofortbilder zu produzieren. Nichts soll ihnen erlauben, Illusionen der Wirklichkeit zu erzeugen, wie sie der Werbefotograf anstrebt, oder Sensationen, wie sie der Fotojournalist sucht.

Diese Fotografen untersuchen die Gesetze der Wahrnehmung von Wirklichkeit. Für sie kann die Beweiskraft solcher Gesetze in der Reihung von „Fällen“ bestehen. Daher sind die meisten Arbeiten dieser Gattung Serien, Sequenzen. Etliche zeigen Zeitabläufe, wie sie in alten Filmen noch sichtbar sind, sie zerlegen das Kontinuum unserer Perzeption in Bildschnitte; oder sie dokumentieren Dinge, die drohen verloren zu gehen und halten die Schritte ihres Vergehens fest. Den Malern und Bildhauern haben sie voraus, dass ihnen niemand vorwirft, eine alte Kunsttradition mit Mühe aufrechtzuerhalten. Sie setzen das, was wir die „Aura“ des Kunstwerks nennen, langsam für ihre Arbeiten durch. Gerade ihre Kunstform hat aber eine große Zukunft vor sich, weil sie sich eines Gerätes bedient, das allen zugänglich ist, und weil ihre Bildvokabeln allen verständlich sind – wenn auch ihre Auseinandersetzung mit Sätzen und Bildtexten fordert, dass der Betrachter lesen und denken kann.

Abb. Jan Dibbets Horizon Sea 1971

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