Beckeraachen

Kunstwechsel

Belgische Kunst 1

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K U N S T   A B C

1973 -77 habe ich unter diesem Titel 173 Texte in der Aachener Volkszeitung publiziert. Den einen oder anderen werde ich hier wiedergeben. Ich versuche, die alten Maschinen-Manuskripte zu konvertieren.

Kunst ABC    AVZ   15.9.1975

B E L G I S C H E   K U N S T 1(1-3)

Belgien ist einer der jüngsten Staaten Europas. Also gibt es belgische Kunst erst seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Fast alle belgischen Künstler haben damals in Paris oder Düsseldorf studiert. Erst durch die historistische Begeisterung für die flämischen Malerschulen von den Brüdern Van Eyck im 15. bis zu Rubens und Van Dyck im 17. Jahrhundert erhielt die Akademie in Antwerpen Ansehen, und die Historienmaler Bièfvre und Gallait erregten mit großen gemalten „Staatsaktionen“ in den Salons der Hauptstädte großen Applaus. Ihnen opponierten zur Jahrhundertwende hin die MODERNEN. James Ensor arbeitete in Ostende einsam und verbittert an einem verschlossenen Bildfeld persönlicher Visionen, das durch seine Konzentration auf Vergänglichkeit und Tod auffällt. Das berühmteste Bild „Christi Einzug in Brüssel“ von 1888 ist nicht nur eine Inkunabel des modernen Anti-Akademismus, gefüllt mit Zitaten aus Trivial-, Kinder- und Irrenkunst, sondern auch die demütige Darstellung einer grassierenden Horrorwelt, in der das Heilige verloren scheint.

Die flämischen Expressionisten zwischen den beiden Weltkriegen stellten sich nicht der Herausforderung der Großstadt; Constant Permeke, Gustave de Smet und andere zogen sich in die paradiesische Landschaft um Brügge und Gent zurück. Das berühmteste Malerdorf dort ist Deurle mit ihrem Gasthof, Friedhof und Museum. Die schwere, „ungehobelte“ Sinnlichkeit, das pastose erdfarbene Erscheinungsbild ihrer Akte und Landschaften ist eine prononcierte Eigenleistung neben den Fauves in Paris und den Brücke-Malern in Dresden. Unter ihnen ist nur Franz Masereel mit seinen Holzschnittsammlungen und Bilderromanen „Mein Stundenbuch“ 1920, „Die Passion eines Menschen“ 1921 und „Die Stadt“ 1925 weit über Deutschland und Frankreich hinaus bekannt geworden – weniger beim traditionellen Kunstpublikum, mehr bei denen, die nach volkstümlichen Bildsprachen suchten, um politische und erzieherische Botschaften zu übermitteln.

Aber der bekannteste belgische Maler ist zweifelsfrei René Magritte. Er verbildlicht wie kein anderer ein Element des Geistes der Großstadt Brüssel und seine Prägung durch den Pariser Surrealismus. Er hätte, so meinte André Breton, die Rolle eines Surrealisten in der Provinz spielen können, tatsächlich hat ihm die geografische und kulturelle Distanz erlaubt, dem Surrealismus eine zusätzliche Dimension hinzuzufügen. Dabei ist sicher ein Element aus der niederländischen Kunstgeschichte im Spiel, die skurrile Bilderwelt Boschs und Brueghels, die verunsichernde Gegenständlichkeit von Bildern, ihre Verrätselung und Verwandlung. Magritte war nüchtern, trocken als Denker und Maler, ihm lag nicht der surrealistische Schmelz, die leicht zugängliche Symbolik, die sein Altersgenosse Paul Delvaux seinen Bildern mitgab, in denen schöne nackte Mädchen auf verlassenen Bahnhöfen im bleichen Mondlicht grinsenden Skeletten die Hand zum Tanz reichen (eine Art der pittura metafisica). Die wohlhabenden Bürger des jungen Landes kauften die meisten dieser Bilder. Viele hängen noch heute in ihren Häusern. Im Kasino von Knokke geht man an großen Gemälden von Magritte vorbei. Spät erst sind sie in die Museen im In- und Ausland geraten.

Abb. James Ensor Christi Einzug in Brüssel 1888 260×430 cm Knokke-Heist Casino Communal

 

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