Beckeraachen

Kunstwechsel

Malen 2

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K U N S T   A B C

1973 -77 habe ich unter diesem Titel 173 Texte in der Aachener Volkszeitung publiziert. Den einen oder anderen werde ich hier wiedergeben. Ich versuche, die alten Maschinen-Manuskripte zu konvertieren.

 

Kunst ABC 27.3.1976

M A L E N    2 (1-3)

Wer die Leinwand als Dokument einer Handlung begreift, beginnt zu vergessen, dass sie ein Bild ist. Er sieht sie nicht mehr auf der Staffelei. Kandinsky berichtet, dass ihn ein Schlüsselerlebnis ermutigt hat, als erster in Europa abstrakt zu malen: er kehrte eines Abends in sein Atelier zurück und erblickte eines seiner Landschaftsgemälde auf dem Kopf an die Wand gelehnt. Das war ein Zufall. Auf der Staffelei hätte er es nicht kopfüber zurückgelassen. Die Anekdote ist Quatsch, wenn sie den Ursprung der abstrakten Malerei zu erklären versucht.  Eien Landschaft auf dem Kopf ist noch immer eine Landschaft. Baselitz hat in einer ganzen Bildserie versucht, das zu beweisen. Kandinsky hat nur zum Thema gemacht, was jeder akademische Maler kennt: ein Bild umdrehen, um zu prüfen, ob die Kompositioon auch dann noch hält, was sie verspricht, wenn sie auf den Kopf gestellt ist. Die Augen des Betrachters brauchen einen Augenblick, um sich an die veränderte Position zu gewöhnen, danach ist es vorbei, sie nehmen das Bild wahr, als stünde es nicht mehr auf dem Kopf. Baselitz hat die Geschichte kompliziert, indem er Gegenstände, die auf dem Kopf stehen, malte. Er drehte die Bilder nicht um. Immerhin: Kandinsky bediente sich dieser Anekdote, um die eroberte geistige Distanz zur Leinwand als Bild zu verteidigen. Ein halbes Jahrhundert später hatten alle diese Lektion verstanden. Nun konnten die Maler die Leinwand in aller Offenheit dafür bestrafen, dass sie so lange Bild war. Dali und Niki de St. Phalle schossen auf sie, Fontana schlitzte sie, Burri versengte sie, Mathieu und Appel bewarfen sie mit dicken Farbklumpen. Sie alle behandelten sie noch so lange als Bild, als sie sie auf der Staffelei oder an der Wand senkrecht aufbauten. An dieser Grundregel abendländischer Bildgestaltung änderten sie nichts.

Was dann geschah, ist nicht ohne starke ostasiatische Einflüsse zu begreifen. Das Verhältnis der Chinesen und Japaner zum Bild ist lockerer, weil es nicht zum festen Bestand ihrer Sehgewohnheiten gehört. Es hängt nicht an der Wand, sondern wird bei besonderen Gelegenheiten hervorgeholt und aufgerollt. Es kann aufgerollt werden, weil es in Wasserfarben auf Papier gemalt ist. Und weil der Bildgrund Papier ist, wird es auch nicht in vertikaler Stellung auf der Staffelei, sondern in horizontaler Position geschaffen. Es wird mit Tusche gezeichnet. Das Verhältnis des Zeichners zu dem Blatt Papier ähnelt der des Schreibers, Die Asiaten kennen keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen den beiden Tätigkeiten, Große Papier legen sie auf den Fußboden und bezeichnen sie mit durch Stangen verlängerten Pinseln. Es gibt ostasiatische Anekdoten, die uns die Spannung zwischen Verliebtheit ins Detail und monumentalem Format kreisen: ein weisen Maler, vom Kaiser beauftragt, einen Singvogel auf einem blühenden Baumzweig zu malen, zögert über mehrere Wochen, der Herrscher zwingt ihn, am letzten Tag der Frist in seiner Anwesenheit die Arbeit zu vollenden, der Weise tritt vor ein großes Papier auf dem Fußboden, hebt einen besenartigen langstieligen Pinsel und tuscht zart in eine Ecke des Blattes den gewünschten Vogel.

Abb. Morris Louis Alpha-Ro 1961 267x546cm Köln, Museum Ludwig

(Fortsetzung folgt)

 

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